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10 Jahre Latein und Computer am Dillmann-Gymnasium

Erfahrungen über den Einsatz des Computers im Lateinunterricht

Thomas Wegener   2004  

 

Als Lateinlehrer, der seinen eigenen Kindern zwar den Umgang mit Computern frühzeitig ermöglichte -1989 stand der erste Mac im Kinder zimmer meines Sohnes - hatte ich doch selbst lange Zeit Berührungsängste mit diesem neuen Medium. Doch die Anwenderfreundlichkeit moderner Computer und der spezifische Charakter der lateinischen Sprache führten zu einer Annäherung. Denn im Gegensatz zu dem Unter richt in den modernen Fremdsprachen, der auf aktiven Sprachvollzug hinarbeitet und ohne viele Regeln auszukommen versucht, zwingt die lateinische Sprache die Schülerin und den Schüler dazu, vielfältige Formen und Syntaxregeln zu büffeln. Ohne genaueste Kenntnis dieser Formen und grammatischen Regeln bleibt der Schülerin und dem Schüler das Latein ein Buch mit sieben Siegeln. Dieses ständige Üben wird von den Schülern frustrierend, demotivierend und als preußischer Drill empfunden. Hier erweist sich Computer als Retter in der Not. Beim Einüben von Formen und Regeln kann er schneller und wirksamer helfen als manche (Nachhilfe -Lehrerin und mancher (Nachhilfe-)Lehrer. Bei geeigneter Lernsoftware kann so aus Frust Lust werden; denn ein Computer ist unendlich geduldig, macht keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen, behandelt alle gleich. Er irrt selten, motiviert die Schülerin und den Schüler auch bei kleinerem Lernerfolg durch akustische Bestätigung. Er geht auf das individuelle Lerntempo jeder Schülerin und je des Schülers ein, ohne sie bzw. ihn durch sarkastische Bemerkungen zu entmutigen oder zu blamieren. Welcher Lehrer träumt nicht davon, jede Schülerin und jeden Schüler während einer einzigen Unterrichtstunde 30 Mal aufrufen und bestätigen zu können. Der Computer kann es, ermutigt so schwache Schüler und Schülerinnen und führt sie wieder an den normalen Unterricht heran.

Für das Fach Latein gab es anfangs der 90er Jahre nur wenig Lernsoftware. Sie beschränkte sich größtenteils auf Vokabel -Training und Formenlehre. Über die Satzlehre, die Syntax, fand ich nichts. Also beschloss ich selber nach einer geeigneten Autorensoftware zusuchen, die es ermöglichte meine Vorstellungen über geeignete Lateinlernprogramme auch ohne Programmierkenntnisse umzusetzen. Es bot sich das multimediale Autorensystem Mac Pilot aus der Medienwerkstatt Mühlacker an, auf das ich 1992 zufällig stieß. So machte ich mich also daran grammatische Pensen mittels Mac Pilot in Lernprogramme umzusetzen. Eine recht mühevolle Arbeit, denn für jedes neue Programm benötigte ich etwa 10 bis15 reine Arbeitstunden. Solche Programme setzte ich dann schon ab der 5. Klasse bei 10 bis 11 jährigen mit Erfolg ein. So entstand in nunmehr dreijähriger Praxis die komplette Kasus- und Formenlehre „disce ludens I (lerne spielend) für Lateinanfänger. Wegen der großen Zustimmung seitens der Schüler habe ich dann mit disce ludens II für Fortgeschrittene bis 1997 Lernprogramme für fast alle grammatischen Bereiche entwickelt. Diese, wie gesagt,  mühevolle Arbeit geschah nicht ohne Eigennutz, denn die Lernprogramme entlasten den Lehrer erheblich. Mein persönliches Eingreifen war nur selten erforderlich, denn die digitalisierte Stimme des Lehrers tönt stellvertretend bald lobend, bald mild tadelnd aus dem Computer. Selbst partnerschaftliches Verhalten konnte unter den Schülern angestrebt werden; denn Maus und Tastatur können getrennt betätigt, Lösungen partnerschaftlich diskutiert werden, lernstarke und  -schwache Schüler können ein Team bilden. Immer wieder habe ich beobachtet, dass sich zwischen den Computer - Mannschaften regelrechte Wettkämpfe entwickelten, um das jeweilige Programm am schnellsten fehlerfrei zu beendigen. Dieser Ehrgeiz wurde dadurch verstärkt, dass die eingesparte Zeit zur freien Verfügung belassen wurde. Doch zur meiner Verblüffung wurde oft ein weiteres Lernprogramm verlangt. In Freistunden konnten Schülern, je nach grammatischen Kenntnisstand, Programme zur selbständigen Bearbeitung überlassen werden. 
So blieb den Schülern manche Nachhilfestunde erspart. Das einzige, was mich nervte, war die stereotype Frage: Wann gehen wir wieder in den Computerraum?


1999 ging ich daran, die Übersetzung aus dem Caesar durch Lernprogramme zu erleichtern. Es entstand das verte ludens (übersetze spielend). Original – Caesarsätze, nach grammatischen Phänomenen geordnet, werden durch gezielte Fragestellungen schrittweise einer Übersetzung zugeführt.

Auf 10 Jahre computergestütztes Lernen in Latein am Dillmann-Gymnasium zurückblickend, kann ich sagen, dass diese Art von Lernen keine methodische Eintagsfliege geblieben ist, sondern einen festen Platz in der Lernwelt des Dillmann-Gymnasiums gefunden hat.   

 

 

          

     

  

 
 

Protokoll einer Lateinstunde aus dem Jahr 1994

  Es ist Freitag, der 13. Die 6. Stunde beginnt; Latein in der 9b.  Schon von weitem höre ich das Lärmen aus dem Klassenraum. Unwillkürlich strafft sich meine erschlaffte Gestalt, der Schritt wird energischer, die Miene erstarrt. Der Lärmpegel steigt mit jedem Schritt. Ein neuer "Machtkampf" steht bevor. Doch heute lässt sich dieser vermeiden. Ich habe ein neues Übungs-Programm über Deklinationen fertiggestellt. Im Klassenraum artikuliert sich das Gebrüll zur einstimmigen Frage:" Gehen wir heute in den Computerraum?" Ich nicke nur stumm. Im Nu ist der Klassenraum leer. Der Wettlauf um die besten Computerplätze hat begonnen. Am beliebtesten sind die farbigen, schnelleren Mac`s. Vor dem Computerraum staut sich der Schülerpulk. Zweier-Computermannschaften formieren sich. Endgültig ordnet sich das Chaos an den Computern. Die vorbereiteten Disketten werden verteilt, die Computer gestartet. Plötzlich ist Stille; nur unterbrochen von meiner Stimme, die bald bestätigend, bald tadelnd aus dem Computer dringt. Ein Wettkampf hat begonnen. Welche Mannschaft beendet das Programm fehlerfrei am schnellsten? Plötzlich Tumult - Sabotage. Einer favorisierten Mannschaft hat man ein Kabel aus dem Computer gezogen. Ansonsten endet die Stunde friedlich. Die siegreiche Mannschaft darf mit stolzgeschwellter Brust den Unterricht vorzeitig nach Hause verlassen.“

 

(veröffentlicht im Jahresband 2004 des Dillmann-Gymnasiums)